Tiefe Ausschnitte, Chuck Norris und Eiswasser - ein rauschender Abend kündigt sich an
Mike Huckabees Anhänger im Convention Center von Columbia, der tristen Hauptstadt von South Carolina, sehen auf den ersten Blick recht brav aus. Die Damen haben sich schick gemacht, aber einige Mädels wagen einen ziemlich tiefen Ausschnitt. Die Herren bevorzugen Pullover, wenn es hochkommt, ein offenes Hemd. Aber ein bulliger Typ mit Baseball-Kappe trägt ein auffälliges T-Shirt: Vorne steht "Vote Huckabee", hinten "or else ...", geschmückt mit einem Foto von Karatedarsteller Chuck Norris in Kampfhaltung.
Das ganze ist als Wahlparty angekündigt, die meisten der rund 300 Anwesenden sind freiwillige Helfer der Huckabee-Kampagne, viele reisen mit dem Treck durch ganz Amerika, auf eigene Kosten. Zur Belohnung wird Eiswasser und Kaffee (beide Sorten: dünn und sehr dünn) angeboten. Vor dem Saal gibt es zwar auch Alkoholisches gegen Barzahlung, aber das scheint verpönt. Zwei Jungs mit Gitarre erobern die Bühne mit selbstgedichteten Songs zu altbekannten Melodien: "Won't you beeeee, for Huckabeeee". Ein rauschender Abend bahnt sich an. Aber man sollte nie vorschnell urteilen.
Sieben Wochen unbezahlten Urlaub für Huckabee
Ob er die Evolutionstheorie ablehnt, so wie der Kreationist Huckabee, frage ich einen Nebenstehenden. "Unsinn, natürlich nicht. Klar gibt es bei uns auch ein paar Evangelikalen, aber hier geht es nicht um Religion". Tatsächlich sieht Derek Horne nicht nach einem Hinterwäldler aus, und er ist es auch nicht. Der Afroamerikaner arbeitet als Rechtsberater für die US-Kommission für Bürgerrechte in Atlanta, eigentlich. Doch jetzt hat er sich sieben Wochen unbezahlten Urlaub genommen - und arbeitet für Huckabee als Freiwilliger. Das heißt, er folgt dem Treck und macht sich nützlich. Hier ein paar Telefonanrufe, dort eine Schulung. "Ich hatte mir eine kleine Summe zurückgelegt. Die investiere ich jetzt in Huckabee - weil ich denke, dass es sich lohnt", erklärt Horne. Er habe auch nichts gegen McCain, aber Huckabee stehe für das, was Amerikas normale Bürger wollten. Ehrlichkeit, Anstand und Sicherheit.
Auf einem Großbildschirm läuft CNN, ohne Ton. Plötzlich geht ein Raunen durch den Saal, einzelne Rufe werden laut: "Huck-a-bee, Huch-a-bee". Nach den ersten Zahlen liegt John McCain vorne. Aber doch nur wenige Prozentpunkte vor Huckabee. Und, so macht der Moderator es spannend, noch sind die Bezirke im Norden des Landes, im so genannten Bibel-Gürtel rund um Greenville und Spartanburg (BMW!) nicht ausgezählt. Die Stimmung kippt. Jede neue Zahl wird mit Sprechchören beantwortet. "Wie steht's", fragen die Hintenstehenden. Mal 35 zu 30, dann wieder 33 zu 29.
In der Zwischenzeit taucht Fred Thompson auf dem CNN-Schirm auf, der andere konservative im Feld auf. Er liegt weit zurück, hat mit rund 16 Prozent der Stimmen aber eine ordentliche Portion der Wähler auf sich gezogen. Er äußert sich ziemlich unklar, kurz flammt die Hoffnung auf, dass er aufgibt. "Wenn Thompson nicht wäre, hätten wir hier satt gewonnen", klagt Matt Hart, ein örtlicher College-Student und weitere Freiwilliger. Was die beiden unterscheide? Nicht viel, es sei wohl eher der Stil. "Thompson setzt auf Patriotismus, Huckabee geht auf die wirklichen Sorgen der Menschen ein", sagt Hart.
Kopf an Kopf: Der Bibelgürtel im Norden gegen die Kosmopoliten an der Küste
Nach und nach trudeln mehr Zahlen ein, aber nach fast zwei Stunden liegt McCain noch immer knapp in Führung. Der Vietnam-Veteran gewinnt vor allem in der Küstenregion von South Carolina. "Die Gegend ist irgendwie kosmopolitischer, mit all den schicken Häusern am Wasser", erklärt Hart. Dagegen gewinnt Huckabee im Norden, wo nicht nur die Industrie, sondern auch ein paar erzkonservative Colleges angesiedelt sind. Der Abend zieht sich, aber selbst die Familien mit kleinen Kindern harren aus. Die ersten Bierflaschen aus dem Foyer tauchen im Saal auf - allerdings meist züchtig mit einer Serviette verhüllt.
McCains nimmt Revanche für Bushs schmutzigen Sieg 2000
Zum Schluss geht es nur um einen einzigen Wahlkreis, Florence, genau an der Grenze zwischen beiden Teilen des Staates. Hier geht es ums Prinzip. In Florence hatte 2000 George W. Bush mit 64 zu 30 Prozent gegen McCain gewonnen, und damit South Carolina und die Nominierung der Republikaner. Nach einer Kampagne des Bush-Teams, die als eine der schmutzigsten in der US-Geschichte gilt und bei der McCain unter anderem vorgeworfen wurde, ein uneheliches Kind mit einer Schwarzen zu haben. Dieses Mal gewinnt McCain, und South Carolina macht damit eine historische Schuld wieder gut, wie auch Horne einräumt: "McCain ist ein guter Mann, er hat es verdient, wenn es nur nicht gerade gegen Huckabee wäre."
Lieber den Sieg verschenken, als eine schmutzige Kampagne zu führen
Auf der verwaisten Bühne wird es plötzlich eng. Jugendliche, Kinder, ein paar Eltern postieren sich für die zahlreichen Kameras. Im Publikum werden Transparente verteilt: "I like Mike". Und da ist er, der Kandidat mit leuchtend roter Krawatte, passend zum Kleid seiner Gattin. Die Anhänger jubeln, Huckabee strahlt. Und gibt seinen Anhängern, was sie jetzt brauchen.
"Vor ein paar Minuten habe ich John McCain angerufen und habe ihm gratuliert", beginnt Huckabee. Er habe ihm gedankt, für eine "gute, saubere, anständige Kampagne". Beide Kandidaten hätten auf persönliche Attacken verzichtet, und darauf sei er stolz: "Lieber verzichte ich auf ein paar Prozentpunkte und verliere knapp, als das ich meine Ehre beschmutze", sagt Huckabee. Er nennt keinen Namen, aber jeder weiß, dass dies auch ein Angriff auf Bush ist - und der Saal jubelt.
Aber eigentlich, so Huckabee weiter, habe man ja in South Carolina gar nicht verloren. "Politik ist kein Ereignis, sondern ein Prozess." Und der ist noch lange, lange nicht vorbei. Er verdanke es vor allem den Freiwilligen, die Zeit und Geld opferten, gar ihre Handy-Freiminuten für die Kampagne opferten, so weit gekommen zu sein. "Wir haben nicht das meiste Geld, das meiste Personal, die meisten Berater. Aber wir haben eine Botschaft, die ankommt bei den Menschen," ruft der Kandidat.
"Auch wer im Taxi vorne sitzt hat in dieser republikanischen Partei eine Stimme"
Wer denkt, jetzt kommt der Glaube, Gott und die Welt, der täuscht sich. Das Wort Gott nimmt Huckabee kein einziges Mal in den Mund. Nein, es gehe darum, dass die Regierung aufhört, die Menschen mit einer übergroßen Steuerlast auszuquetschen. Dass sie aufhört, Milliarden ohne Nachdenken hinauszuwerfen. "Wir wollen eine Regierung, die unsere Sicherheit wieder herstellt. Und das heißt nicht nur sichere Grenzen sondern auch sichere Arbeitsplätze", fordert Huckabee. Er wolle dafür sorgen, dass Amerikas Bürger wieder eine Stimme bekommen, "und zwar diejenigen, die im Taxi vorne sitzen, nicht nur die Passagiere". Auch für "die Menschen, die die Lebensmitteltrucks fahren, die das Essen servieren ist Platz in dieser republikanischen Partei - das ist meine Botschaft. Und die wird mich, die wird uns bis ins Weiße Haus tragen".
Am Ende hat Huckabee zwar nur einen zweiten Platz gewonnen und bleibt gegen solche Schwergewichte wie McCain und dem noch gar nicht aufgetauchten Rudy Giuliani nur ein Außenseiter. Aber ein Mann mit einer solchen positiven Ausstrahlung und einem solch sicheren Gespür für populistische Stimmungen sollte man nicht unterschätzen. Er hat Recht. Politik ist ein Prozess.
Kommentare
Fr, 28.05.2010 18:39
Historischer Umbau? Du hast sc hon mitbekommen, dass von den ursprünglichen Plänen nicht vi el übrig geblieben ist u [...]
So, 14.02.2010 12:48
Herzlichen Dank für die Überse tzung. Auch wenn ich gewusst h ätte, dass es später eine Über setzung geben würde, ich [...]
Mi, 20.01.2010 00:29
Eine Einordnung, die Ihrer ähn elt, hat der großartige Robert Misik in seinem Videocast für den Standard abgegeben. [...]
Di, 05.01.2010 18:06
super gemacht.I like it.sehr d eutlich und gut zusammengefass t.
Mi, 23.12.2009 06:08
ich kaufe seit längerem schon keine usa produkte mehr. für m ich sind die usa der terrorsta at nummer 1 weltweit. si [...]