Schon der britische Schriftsteller Lewis Carroll hatte 1885 in seinem Buch "Alice im Wunderland" über den Caucus gespottet. Ein Caucus, so wird rasch klar, ist ein rennen im Kreis, ohne logischen Regeln. Am Ende stellt sich die Frage, wer gewonnen hat. Die Anwort von Dodo, dem exotischen Vogel: "Jeder hat gewonnen, und alle sollen Preise haben."
Eine nette Geschichte, die ausgerechnet von der US-Informationsagentur aufgebracht wird - um dann zu erklären, dass ein Caucus als politisches Entscheidungsverfahren durchaus Sinn macht. Aber dazu später, zunächst die köstliche Episode von Lewis Carroll.
Caucus-Rennen und was daraus wird
Im dritten Kapitel von Alice im Wunderland heißt es (zitiert nach Wikisource):
»Noch ganz eben so naß,« sagte Alice schwermüthig; »es scheint mich gar nicht trocken zu machen.«
»In dem Fall,« sagte der Dodo feierlich, indem er sich erhob, »stelle ich den Antrag, daß die Versammlung sich vertage und zur unmittelbaren Anwendung von wirksameren Mitteln schreite.«
»Sprich deutlich!« sagte der Adler. »Ich verstehe den Sinn von deinen langen Wörtern nicht, und ich wette, du auch nicht!« Und der Adler bückte sich, um ein Lächeln zu verbergen; einige der andern Vögel kicherten hörbar.
»Was ich sagen wollte,« sprach der Dodo in gereiztem Tone, »war, daß das beste Mittel uns zu trocknen ein Caucus-Rennen wäre.«
»Was ist ein Caucus-Rennen?« fragte Alice, nicht daß ihr viel daran lag es zu wissen; aber der Dodo hatte angehalten, als ob er eine Frage erwartete, und Niemand anders schien aufgelegt zu reden.
»Nun,« meinte der Dodo, »die beste Art, es zu erklären, ist, es zu spielen.« (Und da ihr vielleicht das Spiel selbst einen Winter-Nachmittag versuchen möchtet, so will ich erzählen, wie der Dodo es anfing.)
Erst bezeichnete er die Bahn, eine Art Kreis (»es kommt nicht genau auf die Form an,« sagte er), und dann wurde die ganze Gesellschaft hier und da auf der Bahn aufgestellt. Es wurde kein: »eins, zwei, drei, fort!« gezählt, sondern sie fingen an zu laufen wenn es ihnen einfiel, hörten auf wie es ihnen einfiel, so daß es nicht leicht zu entscheiden war, wann das Rennen zu Ende war. Als sie jedoch ungefähr eine halbe Stunde gerannt und vollständig getrocknet waren, rief der Dodo plötzlich: »Das Rennen ist aus!« und sie drängten sich um ihn, außer Athem, mit der Frage: »Aber wer hat gewonnen?«
Diese Frage konnte der Dodo nicht ohne tiefes Nachdenken beantworten, und er saß lange mit einem Finger an die Stirn gelegt (die Stellung, in der ihr meistens Shakespeare in seinen Bildern seht), während die Übrigen schweigend auf ihn warteten. Endlich sprach der Dodo: »Jeder hat gewonnen, und Alle sollen Preise haben.«
Von der Satire zum politischen Ernst
Soweit Lewis Caroll. Gar nicht so einfach, von hier aus den Bogen zum Sinn eines Caucus zu schlagen, oder? Genau das macht aber Lea Terhurne, eine Mitarbeiterin der internationalen Informationsbehörde der US-Regierung USINFO, hier in einer Übersetzung des AmerikaDienstes (hier der Originaltext):
Einem Außenstehenden mag der Caucus ebenso sinnlos erscheinen wie Carrolls Caucus-Rennen. "…die beste Art, es zu erklären, ist, es zu spielen", sagt der Dodo zu Alice. Tatsächlich geht es beim Caucus hauptsächlich darum, Dinge zu tun: persönliche Zeit zu investieren, zu reden, über Unterstützung zu entscheiden und diese neu zu vergeben, wenn ein bevorzugter Kandidat nicht genug Stimmen erhält, um "es zu schaffen".
Caucus, im Grunde ein Nachbarschaftstreffen, stammt von dem indianischen Wort für eine Versammlung von Stammesführern ab. In der US-Wahlpolitik sind die Stämme die politischen Parteien, die Stammesführer sind die Parteiaktivisten und die betroffenen Bürger. Iowa ist der erste von mehr als einem Dutzend Staaten, die über einen Caucus den Kandidaten auswählen, den ihre Staaten bei den nationalen Parteitagen der Demokraten und Republikaner 2008 unterstützen werden.
Wettkampf um das eigenartigste amerikanische Verfahren
Die meisten Staaten verfahren nach dem einfacheren Vorwahlsystem: Die Bürger wählen, und der Kandidat mit den meisten Stimmen gewinnt. Der Caucus ist ein potenziell verwirrendes Ritual, das sich mit dem Wahlmännergremium (Electoral College) den Platz um das eigenartigste amerikanische politische Verfahren streitig macht. Beide datieren auf die Anfangsjahre der Nation zurück, bevor sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Vorwahlen entwickelten.
Das Caucus-Verfahren unterscheidet sich von Staat zu Staat und von Partei zu Partei. Das gemeinsame Element dabei ist das Reden. Die Anhänger der Kandidaten kommen zusammen, um ihren Kandidaten zu unterstützen und andere dazu zu bewegen, dies ebenfalls zu tun. In Iowa "debattieren die Demokraten öffentlich, während die Republikaner geheim abstimmen – und die Demokraten müssen bereit sein, ihre Wahl öffentlich zu vertreten, was in der amerikanischen Politik ungewöhnlich ist," erklärt der Politologieprofessor und Leiter des Hawkeye-Instituts für Meinungsumfragen an der Universität von Iowa, David Redlawsk. Die Meinungsumfrage verfolgt die Fortschritte der Kandidaten vor den Wahlversammlungen.
Eine Parteiversammlung - aber offen für alle
Heutzutage kann eine erwerbstätige Mutter neben einem Parteiaktivisten an einem Caucus teilnehmen, aber das war nicht immer so. Laut Cary Covington, einem weiteren Wahlexperten der Iowa University, entschieden ursprünglich nur Parteiaktivisten, wer nominiert wird. "Als sich die Parteien in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts als politische Akteure etablierten, [sahen] sie sich selbst als im Namen der Bürger Handelnde, anstelle selbst handelnder Bürger" erklärt er. Die Parteien sahen Nominierungen als "eine private organisatorische Angelegenheit, und die Wähler ging dies eigentlich bis zu den allgemeinen Wahlen nichts an."
Das alles änderte sich 1972, als die Demokratische Partei forderte, die Delegationen der Staaten müssten demografisch repräsentativ für die Wähler sein. "Die Vertretung vorher ausgeschlossener Gruppen machte den Prozess offener und öffentlicher," sagt Covington. Die Republikanische Partei folgte diesem Beispiel bald, und die Wahlversammlungen der Bundesstaaten wurden demokratisiert.
Das große Ziel: Die Stimmes des Volkes hörbar machen
Dies ist ein Beispiel dafür, wie amerikanische politische Institutionen sich entwickeln, um die Stimme des Volkes widerzuspiegeln – ein Prozess, der in der Verfassung nicht verankert ist. Die Gründerväter wollten die junge Demokratie schützen. "Die führenden Politiker unserer Nation misstrauten dem Durchschnittsbürger", erklärt Covington. "Sie hatten Angst, dass sie unbesonnen emotional statt rational überlegend reagieren könnten."
Die Demokraten legen noch einen drauf
Die Demokraten übertrumpfen die Republikaner bei der Komplexität ihrer Wahlversammlungen. Einfach erklärt, verfährt der Caucus der Demokraten nach dem Verhältniswahlrecht. Nur Kandidaten, die die hohe Schwelle von 15 Prozent Unterstützung erreichen, erhalten eine Chance. Die Unterstützer der Verlierer orientieren sich um, eine Phase, die Redlawsk, einst Vorsitzender eines Caucus der Demokraten, als "lebhaft" bezeichnet. "Es wird viel diskutiert, Lobbyarbeit betrieben, Gruppen von chancenlosen Kandidaten können versuchen, um Unterstützung zu werben, damit sie eine Chance haben, andere Gruppen werden Unterstützung aus der Gruppe chancenloser Kandidaten suchen." Die Unterstützer versammeln sich für die Zählung in verschiedenen Ecken des Raums, die ihren Kandidaten zugeteilt sind.
"Die ersten im Land" - erst seit den 70er Jahren
Die Wahlversammlungen sind mit einem erheblichen Zeitaufwand verbunden. "Die Wähler, die am Caucus teilnehmen, sind wahrscheinlich die politisch mündigsten und kenntnisreichsten im Land," sagt Redlawsk. Die meisten Wahlversammlungen der Demokraten verfahren nach dem Verhältniswahlprinzip, die Republikaner tendieren eher zur Mehrheitswahl. Der Caucus in Iowa entstand im Jahr 1846, hat aber erst seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts Signalwirkung, seit das Datum nach vorne verlegt wurde und er der "erste im Land" wurde. Jimmy Carter, der damals zukünftige 39. Präsident, betrieb dort harten Wahlkampf; er nutzte Iowa als Sprungbrett zum Erfolg.
Trotz aktueller Medienberichte und Parteiwerbung ist der Caucus kein wirklicher Indikator für Wählerpräferenzen. Die Wahlbeteiligung ist meist niedrig, und die Teilnehmer sind oft die motiviertesten Parteimitglieder. "Es handelt sich nicht um allgemeine Wahlen für alle. Es ist ein Verfahren, mit dem die Partei bestimmt, wer sie vertreten wird", erklärt Redlawsk. Der Caucus in Iowa lichtet das Feld, sagt er, "Was er nicht notwendigerweise tut, ist vorherzusagen, wer am Ende tatsächlich gewinnt. Es werden vielleicht die Verlierer aussortiert, aber für die, die nach Iowa weitermachen, ist der Ausgang weiter ungewiss."
Womit wie wieder bei Dodo sind.
Kommentare
Fr, 28.05.2010 18:39
Historischer Umbau? Du hast sc hon mitbekommen, dass von den ursprünglichen Plänen nicht vi el übrig geblieben ist u [...]
So, 14.02.2010 12:48
Herzlichen Dank für die Überse tzung. Auch wenn ich gewusst h ätte, dass es später eine Über setzung geben würde, ich [...]
Mi, 20.01.2010 00:29
Eine Einordnung, die Ihrer ähn elt, hat der großartige Robert Misik in seinem Videocast für den Standard abgegeben. [...]
Di, 05.01.2010 18:06
super gemacht.I like it.sehr d eutlich und gut zusammengefass t.
Mi, 23.12.2009 06:08
ich kaufe seit längerem schon keine usa produkte mehr. für m ich sind die usa der terrorsta at nummer 1 weltweit. si [...]