Das neue Jahr beginnt so, wie das alte endete – anderswo laufen detaillierte und richtungsweisende Debatten über
Politik im Internet und hierzulande nimmt man davon keine Notiz. Unter dem Label
The Obama Disconnect konzentriert sich die Diskussion über den „Verrat“ des Präsidenten an seiner digitalen Unterstützerschaft, den Einfluss von
Corporate America auf das Weiße Haus sowie die Entwicklung und Perspektiven der Nachfolgeorganisation
Organizing for America (OFA) auf die Online-Medien. Allerdings genießen diese dort inzwischen nationale Aufmerksamkeit und vermutlich sitzen die Altmedien-Autoren schon längst an ihren Schreibtischen und bereiten die Wiederaufnahme der Diskussion für die renommierten Wochen- und Monatsblätter vor.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog Internet und Politik.
Ausgangspunkt der Auseinandersetzung ist ein ausführlicher kritischer Artikel von Micah Sifry bei Techpresident.com, der inzwischen eine intensive Online-Debatte ausgelöst hat. Mit der Entkopplungsthese beschäftigen sich insbesondere politische Branchendienste wie der Washington Examiner oder The Politico, darüber hinaus greifen auch progressive Weblogs wie Firedoglake das Thema auf. Eine besonders scharfe Entgegnung lieferte die Bloggerin Karoli, und Sifry selbst hat inzwischen einen weiteren Beitrag (The Obama Disconnect – What Could Have Been) vorgelegt.
Der bislang als Obama-freundlich bekannte Sifry zieht dabei eine umfangreiche Schadensbilanz, die sich als massiv skalierte Variante meiner These vom „deutschen Offline-Herbst“ (vgl. hier und da)lesen lässt: während das Internet (und dessen Nutzer) nur zu Wahlkampfzeiten einen relevanten Rahmen für politische Kommunikation und Kampagnenführung darstellen, wenden sich politische Akteure unmittelbar nach dem Urnengang von der Netzöffentlichkeit und richten ihr Handeln wieder stärker auf die klassischen Medien aus.
Während solches Verhalten in Deutschland bestenfalls Kopfschütteln oder Schulterzucken auslöst und der Rückzug der Politik aus dem Netz zum Regelfall geworden ist, wiegt allein schon eine Debatte um die „Obama-Entkopplung“ schwerer. Denn bislang schien der Neustart der Obama-Administration neue Maßstäbe setzen zu wollen und etablierte eine Reihe neuer Posten und Formate, die sich einer „Digitalisierung der Regierungsführung“ verschrieben hatten (vgl. hier oder hier).
Es gilt, die weitere Diskussion im Auge zu behalten (der Ton verschärft sich und eine offizielle Stellungnahme aus dem Obama-Lager steht noch aus zieht eine positive Bilanz für 2009), auch und gerade aus einer deutschen Perspektive. Zwar stehen demnächst
nur wenige Wahlen auf dem Programm, die sich mit der Nutzung der Netzöffentlichkeit als Kampagnenraum befassen müssen, doch der eigentliche Fokus der Disconnect-Kontroverse ist für die deutschen Parteien ohnehin viel wichtiger: die während der Präsidentschaftskampagne entstandene Unterstützerschaft ist als vage Analogie zur Basis der hiesigen Mitgliederparteien zu verstehen. Und der Umgang des exemplarischen Online-Politikers mit dieser Klientel kann unter Umständen ein wertvolleres Lehrstück für die deutsche Netzpolitik sein als die Ausnahme-Kampagne von 2008.
Update: Es gibt weitere Stimmen zur Disconnect-These, in der Huffington Post kommentiert Peter Daou Ethik und Glaubwürdigkeit der Politik und Jeremy Bird, stellvertretender OFA-Direktor, lässt ein erfolgreiches Jahr Revue passieren. Außerdem trifft hat Micah Sifry seine Kritikerin Karoli im Online-Format GRITtv getroffen, Charles Homans für Washington Monthly die „Obama-Partei“ portraitiert und Techpresident-Redakteurin Nancy Scola daraufhin ihre Position dargestellt.
Nach einer sehr aktiven ersten Woche kühlt die Disconnect-Kontroverse deutlich ab – allerdings legt Techpresident.com mit der „Geschichte einer desillusionierten Obama-Unterstützerin“(6.1.2009) nach. Allmählich könnte man auf die Idee kommen, dass das Team um Micah Sifry eine zielgerichtete Kampagne gegen die OFA-Verantwortlichen führt. Es häufen sich nun Details über Probleme und Enttäuschungen in der täglichen Arbeit, im Zeugenstand stehen dabei frustierte oder ehemalige Unterstützer. Man darf allerdings auch vermuten, dass die Debatte schon zum Vorlauf der Midterm-Elections im November gehört. Denn da geht es um Themen, Sitze im Kongress, Mobilisierung – und Etats für Strategie- und Kampagnenberatung (vgl. auch die Kommentare unten).
Die Debatte ist inzwischen auch auf der anderen Seite des Parteienspektrums angekommen, wie ein verspäteter Kommentar von Patrick Ruffini für das republikanische Blog The Next Right zeigt.
Kommentare
Mo, 06.09.2010 22:18
I'm proud of him, he is the be st..I stand fully behind him
Fr, 28.05.2010 18:39
Historischer Umbau? Du hast sc hon mitbekommen, dass von den ursprünglichen Plänen nicht vi el übrig geblieben ist u [...]
So, 14.02.2010 12:48
Herzlichen Dank für die Überse tzung. Auch wenn ich gewusst h ätte, dass es später eine Über setzung geben würde, ich [...]
Mi, 20.01.2010 00:29
Eine Einordnung, die Ihrer ähn elt, hat der großartige Robert Misik in seinem Videocast für den Standard abgegeben. [...]
Di, 05.01.2010 18:06
super gemacht.I like it.sehr d eutlich und gut zusammengefass t.